Sanktgaller Spitzen

Sechs Reportagen aus dem Osten

Appenzeller Verlag, Herisau, März 2003, 20 Franken

Ein sg2003-Jubiläumsprojekt

Texte: Karin Fagetti-Spirig, Susan Boos, Harry Rosenbaum, Jolanda Spirig, Alois Bischof, Peter Müller

Bilder: Lukas Unseld, Valentin Jeck

 


 

Drei Reporterinnen, drei Reporter und zwei Fotografen haben sich aufgemacht, Spitzen des Kantons St.Gallen zu erkunden. Es entstand ein Buch mit sechs Geschichten - die eigenwillig den Kanton in seiner Vielfalt beleuchten und dabei seine Ecken und Kanten streifen. Zugespitzte Reportagen aus dem Osten, die tief bohren und hoch hinaus gehen.

Die journalistische Reise führt von der Stickereimetropole im Bratwurstland über Begegnungen mit Rheinholzern und Global Players im Rheintal bis hin zu einem Gipfeltreffen mit Müller-Friedberg - dem ersten Landammann des Kantons - auf dem Konstanzer Zentralfriedhof. Die Exkursion wagt sich auch in die tiefe Vergangenheit und folgt den Spuren der vorchristlichen Götter und Göttinnen, an die man glaubte, bevor Gallus sie vertrieb. Sie lässt sich ferner auf einsame Spitzen (Hochbegabte) im Sarganserland ein und gipfelt 3247,4 Meter über Meer auf dem Ringelspitz, dem höchsten Punkt des Kantons. Kurz: Ein vielfältiger, engagierter Reportageband, der auch dank der eigenständigen Bilder einen anderen Blick auf den Kanton wirft.

Die Reporterinnen, Reporter und Fotografen gehen mit ihren Geschichten aber auch zu den Leuten: An verschiedenen Orten im Kanton werden "Plaudereien" stattfinden - lockere Gespräche über die Hintergründe, Anekdoten und historischen Zusammenhänge der einzelnen Reportagen. Interessierte sind zudem eingeladen, sich im Mai 2003 an einer "Blustfahrt quer durch den Osten" zu beteiligen: Eine Carfahrt durch ein anderes St.Gallen - man besucht Industrie- und Kultplätze, schaut einem Handsticker bei der Arbeit zu und sucht die Heimat von Müller-Friedberg auf. Ein Teil der Reportagebilder wird als Postkartenserie zur Verfügung stehen.

 


St. Galler Tagblatt, 10. März 2003:

«St.Galler Spitzen»

Sechs Annäherungen an den Kanton St.Gallen - Kostproben aus einem Reportage-Band an der Matinee im Stadttheater St.Gallen

st.gallen. «St.Galler Spitzen» ist ein Buchprojekt zum Kantonsjubiläum und enthält sechs zugespitzte Reportagen aus dem Osten. Es beleuchtet eigenwillig die Vielfalt des Kantons, streift seine Ecken und Kanten.

claudia schmid

Vor-spitzeln erlaubt: Die offizielle Veröffentlichung des Reportage-Buches findet zwar erst am 21. März statt, Kostproben gab es aber schon am Sonntag in der Matinée des St. Galler Stadttheaters zu hören. Alois Bischof, Susan Boos und Jolanda Spirig, drei der sechs Autorinnen und Autoren, lasen aus ihren Beiträgen und diskutierten mit Schauspieldirektor Peter Schweiger, der das Vorwort zum Buch geschrieben hat.

St. Galler Kaleidoskop

Wie ist das Buch zustande gekommen? «Den Aufruf des Kantons, einen Beitrag zum Kantonsjubiläum zu realisieren, haben wir als einmalige Chance betrachtet», antwortete Susan Boos, Redaktorin bei der Wochenzeitung WoZ, auf Peter Schweigers Frage. «Früher, als die Medienlandschaft noch vielfältiger war, gab es öfters längere Reportagen zu lesen. Heute sind sie bei den Zeitungen und Zeitschriften kaum mehr gefragt.» Drei Journalistinnen, drei Journalisten und die zwei Fotografen Valentin Jeck und Lukas Unseld machten sich also auf, den Kanton St. Gallen «auf Reportage» zu erkunden. Entstanden sind vielfältige Geschichten, die kein abschliessendes Bild des Kantons geben, sondern eher ein Kaleidoskop darstellen. Dies drückt sich auch in den Themen und Titeln der sechs Reportagen aus. Harry Rosenbaum führt mit Müller-Friedberg, dem ersten Landammann des Kantons St. Gallen, ein Friedhofgespräch. Peter Müller folgt den Spuren der vorchristlichen Götter und Göttinnen, an die man glaubte bevor Gallus sie vertrieb. «Hochbegabt oder wie bastle ich mir einen Nobelpreisträger» heisst der Beitrag von Karin Fagetti-Spirig.

Klischees nachspüren

Die Reportage von Alois Bischof trägt den Titel «Stickereimetropole im Bratwurstland». 1951 am Bodensee geboren, lebt er heute als freier Autor in Basel. Von dort reist er in die Bratwurst-Hochburg, wo sich eine einfache Wurst zur Delikatesse gemausert hat. Je näher er seinem Ziel kommt, scheint ihm, werden die Bäume knorriger. Er macht sich auf die Suche nach der Mentalität der St. Gallerinnen und St. Galler und findet sie vor allem in den Geschichten einiger älterer Männer. Sie erzählen ihm von den Stickern und Ferggern, von den Herren und weniger Betuchten, vom Aufschwung und Niedergang der Stickereibranche. Zurück in Basel fragt sich Alois Bischof verwundert, warum er den «typischen St. Galler Charakter» - schaffig, stolz, bescheiden, manchmal etwas knorrig - gerade bei den älteren Männern gefunden habe. Und noch immer hat sich für ihn die Frage nicht geklärt, weshalb die erotischen Dessous in einer Umgebung wie dem «Bratwurstland» entstehen. Jolanda Spirig, 1953 in Rebstein geboren, berichtet in ihrer Reportage von Rheinholzern und Global Players. Als überzeugte Rheintalerin sei es ihr nicht immer leicht gefallen, beim Schreiben die nötige Portion Distanz zu wahren, erklärte sie an der Lesung. So habe sie sich auf eine fiktive Reise durchs Rheintal begeben und praktisch in jeder Gemeinde, jedem Dorf und Winkel eine Geschichte gefunden oder wiederentdeckt.

Auf dem Ringelspitz

Susan Boos machte sich auf, den höchsten Punkt des Kantons zu erklimmen. Dem Ringelspitz nähert sie sich von Vättis aus. Im südlichsten St. Galler Dorf trifft sie auf einen passionierten Jäger, der nicht nur in den heimatlichen Jagdgründen, sondern auch in anderen Teilen der Welt auf der Pirsch war. Mit einem Führer steigt sie auf den Ringelspitz, um aus 3247,4 Metern über Meer den Blick über den Kanton schweifen zu lassen. Was sie beim rostigen Kreuz im Wind angelangt sieht? Ein Nebelmeer. Nach der Vernissage am 21. Mai auf der Redaktion «Saiten» am Oberen Graben in der Stadt St. Gallen gehen die Reporterinnen, Reporter und Fotografen mit ihren Geschichten auf Tournee durch den Kanton. Interessierte sind zudem eingeladen, sich am 18. Mai an einer «Blueschtfahrt» zu beteiligen: Man besucht Industrie- und Kultplätze, schaut einem Handsticker bei der Arbeit zu und sucht die Heimat von Müller-Friedberg auf. Ein Teil der Reportagebilder steht als Postkartenserie zur Verfügung.

 

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